Trotz meiner noch nicht ganz auskurierten Halsentzündung entschloss ich mich Samstag Nachmittag spontan doch dazu, nach Hohenems zu fahren. Das ganze Wochenende zuhause zu sitzen, während im Ländle das Rad-Event des Jahres über die Bühne geht, erschien mir doch etwas „uncool“. Die Entzündung war zum Glück schnell abgeklungen, nur an Stimme und Nase erkannte man noch meine Rekonvaleszenz. Einer meiner Sportler (Christian) nahm mich mit und eineinhalb Stunden später fuhren wir schon am Schlossplatz in Hohenems vor. Kaum aus dem Auto gestiegen, tönte es schon durch den Lautsprecher „der Kirchmair ist doch da“ – dem Moderator Martin Böckle entgeht halt auch gar nichts!

Wenig später ging auch schon das Profi-Kriterium los – 40 Elite-Fahrer schenkten sich 60 Runden lang nichts und sorgten für ein spannendes Rennen bis zum Schluss. Man unterhielt sich prächtig – viele aktuell und ehemals von mir betreute Sportler waren da und im Ländle kennt eh jeder jeden – von daher fast ein Heimatbesuch beim Highlander. Nach rascher Stärkung bei der Pasta Party ging es noch mit den Sportskollegen vom Bikepalast-Team auf einen Absacker und wenig später ins nahegelegene Hotel – schließlich war die Nacht kurz, um 4:45 klingelte der Wecker – zumindest mal um zu sehen, wie es um meine verschleimten Atemwege bestellt war, um dann zu entscheiden, ob ich so früh überhaupt aus dem Bett wollte oder nur im Ziel auf die Kollegen zu warten.

Der Wecker riss mich zwar aus dem Schlaf, aber ansonsten war ich top-fit – also zum Frühstück und wenig später mit dem Rad Richtung Start. Meine Startnummer hatte ich eher der Ordnung halber noch abgeholt und sogar montiert – denn wie geplant mit meiner 7-Stunden-Gruppe mithalten zu können, erschien mir unter den gegebenen Umständen nicht ganz realistisch. Eher dachte ich an eine lockere Runde mit 30-90 Kilometern – der Bregenzer Wald gibt dafür ja genug Optionen her. Aber zuerst ging es mal in die Startaufstellung und leider traute sich von meinen gecoachten Sportlern nur Helmut neben mich in die erste Startreihe, die anderen hatten sich wohl lieber schon vorher in den Startblock gestellt und waren in dem Getümmel nicht mehr auszumachen. „Gut, hab ich mehr Zeit, bevor sie mich am Bödele stehen lassen“ dachte ich.

Wie immer schmunzeln musste ich bei der Segnung durch den Pfarrer auf der Feuerwehrdrehleiter – wenig später ging es aber schon los und da war mir dann weniger zum Schmunzeln. Ich musste mich lang machen, um bis Dornbirn halbwegs vorne zu bleiben. Kaum ging es ins Bödele, nahm ich dezent die Beine hoch und ließ den Pulk passieren. Als würde ich stehen, schoss die Elite an mir vorbei und wenig später Helmut, der sich an meinem Hinterrad gehalten hatte und sich freute wie ein kleines Kind – so weit vorne war er wohl noch nie einen Anstieg rein gefahren. Schon halb oben waren die Fahrer, die mich überholten, immer noch deutlich schneller als ich und erst jetzt kamen Christoph und wenig später Christian vorbei, mit denen ich eigentlich hätte mitfahren wollen. Der Rest der geplanten 7-Stunden-Truppe lag entweder krank im Bett zuhause oder war schon längst über alle Berge.

Meine beiden Buddies waren nicht viel schneller als ich, also hängte ich mich an und fuhr mit und unterhielt mich noch mit etlichen anderen Fahrern, die vorbei oder in unserem Tempo fuhren. Oben am Bödele angekommen, wartete wie immer eine fantastische Aussicht in den Bregenzer Wald mit ersten Lücken in der Wolkendecke – die Temperatur noch frisch, aber ich schwitzte trotzdem recht stark. Etwas Gefummel mit der Windjacke und ein paar Fotos in der Abfahrt gemacht, ging es unten schon wie üblich an die Hatz nach der nächsten Gruppe. Wenig später aber wieder mit 20 Mann samt Christian und Christoph in einem Pulk bei guter Reisegeschwindigkeit. Nachdem sich dann sogar meine Atemwege öffneten und die Gruppe auch ohne mein Zutun prächtig lief, fiel es mir nicht schwer, an der Abzweigung in Au einfach am Hinterrad hängen zu bleiben. Eine meiner Optionen war die Abkürzung auf das Furkajoch direkt über Damüls gewesen, aber in der Gruppe machte es wesentlich mehr Spaß und so konnte ich meinen Jungs und anderen Fahrern noch einige Tipps geben, bevor es dann in den Anstieg zum Hochtannberg ging. Das Tempo der Gruppe war nicht besonders hoch, schließlich waren wir am Bödele schon bis ins Mittelfeld durchgereicht worden – also kein Wunder. Die beiden ‚Chris‘ waren jedenfalls noch nicht an ihrer Schwelle, machten aber auch keine Anstalten das Tempo zu erhöhen – was wohl dem Respekt vor der noch langen Strecke geschuldet war. Mit etwas Fingerspitzengefühl steigerte ich also das Tempo – schließlich war heute für die beiden die Generalprobe für den Ötzi und da kommt man mit 250 Watt am Kühtai nicht in eine adäquate Gruppe am Brenner. Also hoch das Bein bis bei den Jungs, bis 300 bzw. 270 (gewichtsbedingt) am Tacho standen und den Hochtannberg durchgezogen. Immer auf der Überholspur ging es dahin – auch in der Abfahrt rollten wir ständig Fahrer auf. Für mich war wichtig, dass die Jungs mal an ihre Schwelle ranfahren im Rennen, um dann zu sehen, was hinten raus passiert. Nach eingehender Analyse kann ich dann daheim eine Aussage treffen, mit welcher Wattzahl sie sich am Kühtai drosseln müssen, um am Timmelsjoch nicht zu sterben.

Mir lief es besser und besser und so diente mein Hinterrad als kurze Erholung bis Lech, bevor es in den Anstieg zum Flexenpass ging. Christoph musste etwas raus nehmen, der war noch bedient von seinem Dorffest am Vorabend, aber Christian war nicht zu halten und stampfte weiterhin knapp unter seiner Schwelle von 317 Watt weiter. Mehrere Gruppen stellten wir noch, bevor am Flexenpass die Zeitnehmung überfahren wurde und die neutralisierte Abfahrt auch dazu diente, auf Christoph zu warten. Zudem hatte Helmut auf uns gewartet und so ging es dann mit 3 „Coachies“ in einer 50 Mann Gruppe durchs Klostertal. Helmut schoss zwar am Bödele zuerst an mir vorbei, war dann aber auch unter seinen Möglichkeiten weitergefahren. Also genau gleich wie die anderen beiden musste auch er mal an seine Grenze, um eine verlässliche Aussage über sein Ötztaler-Pacing zu treffen. Nämlich unter Langzeitbelastung und nicht bloß im 15 Minuten Feldtest. Rennbedingungen sind dafür natürlich das Beste, was ich mir als Coach wünschen kann.

Alle drei bekamen die Anweisung, zumindest den ersten Anstieg des Faschinajoch bis Raggal knapp unter der Schwelle zu fahren und dann je nach Befinden das weitere Pacing auszurichten. Ich selbst rang innerlich um die Entscheidung, ob ich bei dem mittlerweile strahlend blauem Himmel und lauschig warmen Temperaturen wirklich „nur“ die Kurzstrecke fahren sollte. Schließlich war es noch nicht mal 10:00 Uhr! An der Streckenteilung noch immer unentschlossen, bog ich Richtung Faschinajoch ab mit der Hintertüre, nach Raggal links über Thüringen zurück auf die Kurzstrecke zu fahren. Nachdem ich mit den beiden ‚Chris‘ schon das halbe Rennen gefahren war, widmete ich mich nun eher Helmut, der sein Pacing schön konstant auf 280 Watt bei seinen 72 Kilogramm hielt. Damit waren wir schnell an die Spitze unserer Gruppe nach vorne gefahren, wo ich mich bestens mit einigen Bekannten aus München unterhielt. Bald waren wir nur noch zu acht – ich machte weitgehend das Tempo, doch ließ ich die Gruppe dann ziehen, um kurz zu wenden und auf Christian zu warten. Der kam auch nur eine Minute später daher und in der kurzen Abfahrt konnten wir die Lücke fast schließen.

Meine Option mit der Abkürzung war da schnell vergessen – „viel kürzer ist das auch nicht mehr“ und stiefelte mit Christian am Hinterrad der Gruppe hinterher, die sich an der ersten Rampe nach „Sonntag“ schon zerlegt hatte. Christian hatte Mühe zu folgen – Seitenstechen plagte ihn ein wenig und ich zog durch, um für ihn und Helmut an der nächsten Labe Getränke und Verpflegung zu holen. Schnell war ich bei Helmut, orderte seine leere Flasche und wenig später stopfte ich mich an der Labe aus wie eine Weihnachtsgans, um die Jungs – und in diesem Fall auch mich selbst zu versorgen. Langsam merkte ich, dass der Akku zur Neige ging, aber ich musste ja Helmut, der vorbei gefahren war, seine Flaschen wieder bringen. Zuerst aber mal Christoph einholen, der weiterhin etwas Gas raus nahm, und weiter zu Helmut. Einen nach dem anderen der Gruppe holte ich ein, aber Helmut war nicht mal in Sichtweite. Mit Müh und Not kam ich bis zum Faschinajoch wieder heran – der Typ hatte wohl den Turbo gezündet! Also ihn versorgt und nach kurzer Abfahrt nochmal Nachschub an der Labe geholt, den Rest hatte ich mittlerweile verteilt und selbst verzehrt.

Wieder hatte ich also ein paar Meter Rückstand auf Helmut und durfte nicht trödeln, denn weiterhin hielt er seine Pace bei 275-280 Watt. Trotzdem genossen wir das herrliche Panorama am Furkajoch – stahlblauer Himmel und locker 15 Grad auf 1800 Meter – der Wetterbericht hatte bedeckt und max. 22 Grad im Tal gemeldet, was den perfekten Tag gleich noch schöner machte! Die Abfahrt war wie immer kein Genuss, zudem kamen uns 2 Polizei- und 2 Rettungswägen entgegen – alle ohne Folgetonhorn und teilweise mitten in der Fahrbahn statt rechts fahrend – zum Glück ging da nichts in die Hose… Im Talboden angekommen, war es mir fast zu warm im dicken Unterhemd und Thermosocken, aber die letzten 15 Kilometer kümmerte ich mich zur Freude der eingesammelten Fahrer eher um ein gutes Tempo als um andere Befindlichkeiten.

Deutlich unter 7 Stunden erreichten wir dann das Ziel – Christian und Christoph folgten wenig später. Meine schnelleren Leute waren auch schon alle gut zurück, Mona war wie üblich mit Josef gefahren, der mittlerweile für das Team Bikezeit startet, Marcellus war schon am Weg nachhause und Joel und Thilo hatten sich wie üblich den Vater-Sohn Direktvergleich geliefert. Frank, Anette und einige andere waren noch auf der Strecke, erreichten aber auch glücklich und zufrieden das Ziel. Nach üppiger Plauderei an der Labestation und der erfrischenden Dusche ging es schon an die Siegerehrung. Thilo mit Platz 1 in der Altersklasse und Mona mit Platz 4 in der Gesamtwertung der Damen ließen sich durchaus sehen. Mindestens genauso wichtig war es mir aber, dass meine 3 Ötzi-Helden mal an ihre Grenze gegangen waren und der Highlander wirklich als Generalprobe diente und nicht als Marathon im Halbgas-Modus. Jetzt geht es für mich an die Analyse der Daten und dann an die Pacing-Strategie der einzelnen Teilnehmer.

Bis zur Wendelsteinrundfahrt am Samstag möchte ich fertig sein, am Dienstag steht aber nochmal eine längere Radtour am Programm – die Ötzirunde. Dank Besuch aus München und einiger anderer Zusagen sind schon gut 10 Leute beisammen – die Vorhersage von 30 Grad ohne Gewitter ohnehin ein Leckerbissen! Morgen hol ich mir noch einen Schleimlöser und dann dürfte das Thema Halsentzündung schnell vergessen sein. Jedenfalls war die Entscheidung, die  große Runde durchzuziehen, richtig, schließlich kenne ich das Gefühl ja von einer der letzten Highlander-Austragungen, wenn man um 10:30 Uhr im Ziel steht, während die Kollegen das Panorama am Furka genießen… Das Tempo war für mich machbar – auch ohne Risiko erneuter Halsbeschwerden – aber ich bin jetzt schon deutlich müder als von bisherigen Marathons der Saison. Auch nicht schlecht, dann weiß ich wieder mal, wie es meinen Jungs und Mädels nach den Rennen geht! Vor allem meine 3 Helden werden heute wohl gut schlafen! 😀